.

Artikel aus "Deutsches Ärzteblatt" 17. Juni 2005
Google-Cache

"Medizin Hohe Sicherheit von geplanten Hausgeburten

OTTAWA/ONTARIO. Hausgeburten stoßen bei vielen Gynäkologen auf größte Vorbehalte. Sie fürchten im Fall einer unvorhergesehenen Komplikation um das Leben von Mutter und Kind. Doch eine große prospektive Kohortenstudie aus Nordamerika kommt im British Medical Journal (BMJ 2005;330:1416-1419 zu einem anderen Ergebnis. Keine Frau kam ums Leben, und die intrapartale und neonatale Sterblichkeit war nicht erhöht. Dagegen war die Rate medizinischer Interventionen deutlich niedriger als bei geplanten Geburten in der Klinik.

Kenneth Johnson vom kanadischen Center for Chronic Disease Prevention and Control und Betty-Anne Daviss von der International Federation of Gynecology and Obstetrics haben die bisher größte prospektive Kohortenstudie zu Hausgeburten durchgeführt. Es gelang ihnen 98 Prozent aller Hebammen, die Mitglied im North American Registry of Midwives (NARM) sind, zu kontaktieren. Von ihnen ließen sie sich die Daten von 5418 Schwangeren geben, die sich für eine Hausgeburt entschieden hatten.

Von diesen Frauen kamen 655 Schwangere (12,1 Prozent) doch in die Klinik, bei fünf von den Schwangeren geschah dies vor der Entbindung. Die Gründe waren Wehenschwächen, Schmerzen oder Erschöpfung der Frauen. Nach der Hausgeburt wurden 1,3 Prozent der Mütter und 0,7 Prozent der Neugeborenen in einer Klinik weiterbehandelt. Die häufigsten Gründe waren Hämorrhagien, Placenta-Retentionen oder Atemprobleme des Kindes.

Unter den 5418 Müttern gab es keinen Todesfall. Von den Kindern starben vier vor den Wehen, was somit nicht Folge der Hausgeburt war. Ebenso ausgeschlossen wurden drei Todesfälle bei Kindern mit schweren Fehlbildungen. Es blieben sieben intrapartale und sechs neonatale Todesfälle, womit die Mortalität der Hausgeburt bei zwei Prozent liegen würde, beziehungsweise bei 1,7 Prozent, wenn die Zwillingsgeburten oder Steißgeburten herausgenommen wurden, die eigentlich als Risikogeburten angesehen werden.

Diese Rate liegt nach Recherchen der Autoren nicht höher als in Kliniken. Das ist ein erstaunliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass der apparative und operative Einsatz in den Kliniken deutlich höher ist. Nach Angaben in den US-National Center for Health Statistics wird bei 85 Prozent aller Einzelschwangerschaften mit Geburtstermin nach der 37. Woche ein fetales Monitoring durchgeführt. In der Kohorte der Hausgeburtswilligen war dies nur bei 9,6 Prozent der Fall. Es dürfte sich dabei um jene Frauen gehandelt haben, die in die Klinik transferiert wurden.

Auch die Rate der Episiotomie (Dammschnitt) war geringer (2,1 Prozent versus 33 Prozent). Desgleichen die Rate der Kaiserschnitte (3,7 Prozent versus 19 Prozent) und der Vakuumextraktionen (0,6 Prozent versus 5,5 Prozent). Es wundert deshalb nicht, dass Hausgeburten in den USA nur ein Drittel der Kosten verursachen wie eine Geburt in der Klinik. Die Förderung der Hausgeburt könnte deshalb nach Ansicht der Autoren durchaus einen Einspareffekt für das Gesundheitswesen haben. Idealerweise sollten die Ergebnisse durch eine randomisierte klinische Studie bestätigt werden. Doch darauf haben sich in keinem Land Gynäkologen und Hebammen einigen können./rme "

PDF der Studie
(englisch)


16.07.02