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Die
besondere Geburt: Der Kaiserschnitt
Und wie Hebammen Trauerarbeit
leisten
Das Thema Kaiserschnitt? Auf einer Seite, die sich vorwiegend mit natürlichen
und normalen Geburten beschäftigt? Ja, denn ich denke, es ist wichtig,
den Kaiserschnitt nicht auszuklammern. Er ist wichtig,
denn er kann Leben retten - das der Mutter und das des Kindes.
Wenn es dazu kommt, ist dies nicht nur durch die körperlichen Eingriffe,
die der Frau dann zugefügt werden, ein traumatisches Erlebnis.
Viele Frauen fühlen sich nach einem Kaiserschnitt, als hätten
sie versagt. In dieser Situation waren sie nicht fähig gewesen,
ihr Baby aus eigener Kraft zu gebären. Sie mußten entbunden
werden, um ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Babies nicht zu gefährden.
Auf ihrem Bauch wird eine Narbe sichtbar bleiben, die an den Eingriff
erinnern wird. Diese Narbe wird aber meist verdeckt sein durch ein Kleidungsstück,
unsichtbar, verborgen, versteckt. Auch die Narben auf der Seele der
Frau sind unsichtbar. Die Menschen in ihrem Umfeld gratulieren ihr nach
der Geburt dafür, daß alles nochmal gutgegangen ist (obwohl
sie versagt hat), daß sie ein wunderschönes Baby bekommen
hat (obwohl sie versagt hat), daß sie und ihr Baby gesund sind
(obwohl sie versagt hat)...
Sie soll lächeln, sie soll sich freuen, sie soll glücklich
sein, sie soll diese Geschichte einfach vergessen.
Manchmal soll sie sich sogar nicht so anstellen. Das Kind habe ja nicht
mal durch den Geburtskanal gemußt...
Wer nicht selbst betroffen ist, kann oft nicht nachvollziehen, wie es
diesen Frauen geht. Frauen wissen instinktiv, daß sie gebären
können. Daß die Natur das so vorgesehen hat. Wenn es anders
kommt, wenn eingegriffen werden muß in den natürlichen Geburtsverlauf,
das Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind gestört ist und es zu
einer Gefährdung kommt, dann fühlen sich die Frauen nicht
selten resigniert und ausgeliefert. Für viele ist es aber auch
eine Erleichterung.
Leider ist es heute nicht selten so, daß gerade die äußeren
Umstände unter einer Geburt dazu führen, daß sie in
einem Kaiserschnitt endet. Wenn die Frau sich nicht wohl fühlt,
vielleicht weil die Räumlichkeiten mit dem medizinischen Material
ihr Angst einjagen, die einzige Hebamme noch parallel weitere Geburten
begleiten muß, und sie sich schlecht betreut fühlt, wenn
mitten in der Geburt ein Schichtwechsel stattfindet und die neue Hebamme
ihr unsymphatisch ist, dann kann es mitunter zu einem Geburtsstillstand
kommen.
In der Natur ist das genauso: Wenn z.B. eine fohlende Stute sich bei
der Geburt gestört fühlt, stoppt sie den Geburtsvorgang, um
sich einen anderen Ort zum gebären zu suchen. Einen Ort, an dem
sie sich sicher fühlt. Das ist nichts Ungewöhnliches.
In Krankenhäusern ist ein Geburtsstillstand aber fast immer Anlaß
zu Hektik, selbst wenn die Herztöne des Kindes in Ordnung sind
und es der Mutter gut geht. Das Aktionstempo wird ab dann von einem
Wehentropf bestimmt, oder die Fruchtblase wird gesprengt, damit es "endlich
voran geht".
Das setzt die Frau unter Druck, die Wehen sind plötzlich sehr heftig,
der Streß wirkt sich nicht gut auf den weiteren Geburtsverlauf
aus. Manchmal geht es dann so schnell voran, daß das Kind nicht
"mitkommt", es unter Streß steht, die Herztöne
hochgehen. Dann wird der Wehentropf wieder abgemacht, nun gibt es Wehenhemmer,
um die Geburt wieder abzubremsen, Mutter und Kind eine Verschnaufpause
zu gönnen. Danach geht es wieder an den Tropf...
Irgendwann geht dann gar nichts mehr. Frau und Kind sind erschöpft,
die Überwachungswerte des Kindes werden bedrohlich schlecht - ein
Kaiserschnitt ist die letzte Instanz.
Nur einer von vielen möglichen Verläufen.
Es gibt auch Fälle, wo die Frauen stundenlang am CTG liegen müssen,
weil die Hebamme keine Zeit für sie hat. Dem instinktiven Bedürfnis
nach Bewegung gibt die Frau nicht nach, weil sie vorsichtshalber lieber
zur Überwachung am CTG bleibt, denn sie vertraut der Hebamme. Die
Geburt kann dann deswegen in einem Kaiserschnitt enden, weil das Köpfchen
sich bei der ständigen Seitenlage nicht ins Becken einstellen konnte
und letztendlich hängen bleibt.
Ein Kaiserschnitt kann Leben retten.
Doch in zu vielen Fällen ist die Notwendigkeit, Leben retten zu
müssen, heutzutage leider "selbstgemacht". Schon im Vorfeld
während der Schwangerschaft werden die Frauen verunsichtert. Unsichere
Ultraschallmessungen führen allzu häufig zur Diagnose "Relatives
Mißerverhältnis" - der Kopf sei zu groß für
das Becken. Nicht selten wird dann ein normal großes Kind per
geplantem Kaiserschnitt geboren.
Und auch eine Beckenendlage ist nicht automatisch auch ein Grund für
einen geplanten Kaiserschnitt. Es gibt fast in jeder größeren
Stadt inzwischen Krankenhäuser, die diesen "Standard"
ablehnen und die Frauen, deren Babies mit den Füssen oder dem Po
nach unten liegen, spontan gebären lassen.
Viele Frauen werden auch in ihrem Glauben bestärkt, ein Wunschkaiserschnitt
könne sie vor Schmerzen bewahren. Daß sie nach dem Eingriff
nicht mal ihr Baby selber hochnehmen können, weil die frische Bauchnarbe
so schmerzhaft ist, wird ihnen nicht gesagt...
Letztendlich kann ein Kaiserschnitt Leben retten.
Wenn nichts mehr geht, ist er ein Segen. Und auch eine Frau, die eine
Hausgeburt geplant hat, profitiert letztendlich von dieser letzten Instanz,
wenn es unter der Geburt zu Komplikationen gekommen ist, die einen solchen
Eingriff nötig machen.
In diesen Fällen muß die Frau sich bewußt sein, daß die Verlegung
zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl ihres Kindes stattfindet. Sie braucht
diese Verlegung nicht als negativ, als Scheitern anzusehen.
Eine gute Hebamme macht eine Schwangere schon in der Vorsorge darauf
aufmerksam, daß die Möglichkeit einer Verlegung unter der
Geburt und sogar die Möglichkeit eines Kaiserschnittes immer besteht.
Zwar soll die Frau damit nicht geängstigt werden, aber allein darüber
gesprochen zu haben, sich mental dieser Option bewußt zu sein,
kann der Frau, wenn es tatsächlich so weit kommt, helfen, das Erlebnis
später zu verarbeiten.
Die Hebammenbetreuung einer Hausgeburtshebamme endet nicht an der Kreißsaaltür.
Zur Nachsorge, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, wird sie wieder
da sein. Sie hat die Geburt mit der Frau begonnen und sie wird sie auch
mit ihr beenden - nicht zuletzt, indem sie Trauerarbeit mit ihr leistet.
Sie nimmt ihr das Gefühl, keine gute Mutter sein zu können, weil
ihr Kind nicht "richtig" geboren hat. Sie geht mit ihr den Geburtsverlauf
durch und beleuchtet, was letztendlich zum Kaiserschnitt geführt
hat. Sie trauert mit ihr und zeigt ihr, daß sie das Recht hat,
zu trauern. Und daß sie diese Trauer auch zeigen darf. Und sie
freut sich mit ihr an ihrem Baby, das nun ihr Leben bereichert. Und
daß sie sich über dieses Baby freuen darf, denn sie hat es
getragen und zur Welt gebracht. Daß sie stolz auf ihr Baby sein
darf. Und - stolz auf sich selbst.
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